Gedanken in einer besonderen Zeit

Krokus
Bildrechte: Stephan Ranke

Da ging das Wort in Erfüllung, das der HERR durch den Mund Jeremias verkündet hatte. Das Land bekam seine Sabbate ersetzt, es lag brach während der ganzen Zeit der Verwüstung, bis siebzig Jahre voll waren. (2.Chronik 36,21) 


Dieses Wort geht mir seit ein paar Tagen immer wieder im Geist um, wenn ich für unser Land und unsere Situation bete.
 
Es beschreibt eine Zeit, nachdem Nebukadnezzar, der König von Babylon, das Land Juda und die Stadt Jerusalem besetzt und zerstört hatte. Die meisten Einwohner mussten nach Babylon in Gefangenschaft ziehen. Mit einem Satz wird hier erklärt, warum das so war. Das Land bekam seine Sabbate ersetzt. Zu große Rastlosigkeit, zu großes Streben nach Macht, Gier, Profit hatten ihm vorher seine Ruhe gestohlen. So beschreibt es der Prophet Jeremia (6,6–8). 

Als ich das Interview mit dem Bundestrainer der Deutschen Nationalmannschaft hörte, fühlte ich mich sofort wieder an diese ersetzten Sabbate erinnert. Jogi Löw sagte: »Die letzten Tage haben mich sehr beschäftigt und nachdenklich gestimmt. Die Welt hat ein kollektives Burnout erlebt. … Ich habe so das Gefühl, dass die Welt und vielleicht auch die Erde sich so ein bisschen stemmt und wehrt gegen die Menschen und deren Tun. Denn der Mensch denkt immer, dass er alles weiß und alles kann und das Tempo, das wir so die letzten Jahre vorgegeben haben, war nicht mehr zu toppen.« 

Das Interview mit der Besitzerin eines Berliner Kreativladens führt für mich diesen Gedanken weiter: Nachdem sie die Schwierigkeiten und existenziellen Nöte geschildert hatte, die die Schließung des Ladens so mit sich brachten, wurde sie gefragt, ob sie dieser Zeit auch etwas Gutes abgewinnen könne. — »Die Entschleunigung genieße ich. Da kommen neue kreative Ideen.«

Nicht nur der Mensch entschleunigt, auch und gerade die Natur kommt zur Ruhe. Sie erholt sich von unserer Umtriebigkeit, sie erholt sich von uns Menschen. In den Städten Chinas ist die Luft so sauber, wie schon lange nicht mehr. Die Klimaziele, die für unser Land nicht erreichbar schienen, werden nun wie von selbst eingehalten. 
Der Ruhetag des Sabbat ist in der Bibel ein Tag, an dem Natur und Mensch in Gottes Gegenwart aufatmen dürfen.

Der Ruhetag des Sabbat ließ in biblischer Zeit die Israeliten an der Ruhe Gottes teilhaben. 

Der Ruhetag des Sabbat lässt ebenso heute samstags die Juden und sonntags uns Christen an der Ruhe Gottes teilhaben. 

Wahre Ruhe bedeutet im Alten wie im Neuen Testament Gemeinschaft mit Gott. In der Ruhe wird Gott erfahrbar. Das kann man in diesen Tagen verstärkt ausprobieren. 
Jetzt ist mit einer weitgehenden Ausgangsbeschränkung unser Leben noch weiter eingeschränkt worden. Die verordnete Ruhe kann und wird uns auf verschiedene Weise zusetzen. 

Berechtigte Sorgen um die eigne Existenz – sei es beruflich, sei es gesundheitlich – lassen sich nicht so einfach abschütteln. 

Ein altes Sabbatlied, wohl aus dem 19. Jahrhundert – verfasst von Menschen, die hart für ihre Existenz arbeiten mussten – greift diese Sorgen auf: »Sabbat-Tag! Ein heiliger Tag – Heil dem, der ihn halten mag! – Sein beim Weine froh gedenkt – Und sich nicht mit Sorgen kränkt. – Ist die Börs‘ auch leer – Und darin nichts mehr – Freue dich – Herzinniglich – Gott bezahlt die Schuld für dich!« 

Kinderglaube? Naiv? — Vielleicht. 
Ja, sogar höchstwahrscheinlich.

Aber in diesem alten Lied steckt zugleich ein Urvertrauen, das auch uns heute anstecken und helfen kann: Wo wir zur Zeit keinen Ausweg wissen, da kann Gott uns einen schaffen. Unsere Sorgen, unsere Angst, sind bei Ihm gut aufgehoben. 

Werft alle eure Sorge auf ihn, denn er kümmert sich um euch!
Sein ist die Macht in Ewigkeit. Amen.

(1 Brief des Petrus 5,7.11) 

Verleihe uns Gott, dass wir darauf vertrauen können.
Unter Stephan